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Propaganda in bester Lage

  • Autorenbild: Nikolai Klimeniouk
    Nikolai Klimeniouk
  • 13. Apr. 2024
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Juli 2024

Das Russische Haus in der Berliner Friedrichstraße gibt sich als Kulturzentrum für die Diaspora, ist aber bloß der lange Arm des Kreml. Jetzt wurde dort auch noch eine Buchhandlung eröffnet. Das Angebot hat es in sich.

Veröffentlicht in: FAS, 13. April 2024


"Russisches Haus", Berlin, Friedrichstraße
Screenshot FAZ.net

„Exklusive Seife zum Selbstmachen mit drei 3D-Formen.“ Die Förmchen der „Seifenwerkstatt“ für Kinder, eine Handgranate, eine Pistole und ein Panzer russischer Machart, sind auf der in Tarnfarben gehaltenen Schachtel abgebildet. Zusammen mit dem Bild eines maskierten Soldaten. Er sieht aus wie einer von jenen, die vor zehn Jahren die Krim besetzten und jetzt mordend und vergewaltigend durch die Ukraine ziehen. Das Kinderspielzeug kostet 7.24 Euro, so was nimmt man schnell mal als Geschenk mit. Man kann es in der Friedrichstraße im Zentrum von Berlin kaufen, in der Buchhandlung im „Russischen Haus“, der größten Kultureinrichtung Russlands im Ausland.


Diese Buchhandlung in bester Lage wurde im Dezember eröffnet, und allein das macht sie außergewöhnlich. Während Einrichtungen russischer Einflussnahme in anderen europäischen Ländern unter dem Druck der Behörden und der Öffentlichkeit schließen, blüht die „Kulturbotschaft Russlands im Herzen Berlins“, wie das russische Außenministerium das Russische Haus preist, gerade erst richtig auf.


Der von dem Ost-Berliner Architekten Karl-Ernst Swora für den Verband der sowjetischen Gesellschaften für Freundschaft und kulturelle Beziehungen mit dem Ausland entworfene Bau wurde 1984 eröffnet. Mit seinen 29.000 Quadratmetern Nutzfläche und einem 1700 Quadratmeter großen Foyer sollte sich der Klotz nicht in die klassizistische Umgebung einfügen, sondern an die zeitgenössischen Repräsentativbauten der Sowjetunion erinnern. Nach dem Ende der UdSSR kam das Haus nach einer Reihe von Reorganisationen schließlich 2008 unter Verwaltung der russischen Regierungsagentur Rossotrudnichestvo. Deren primäre Aufgabe besteht darin, im Ausland lebende „Landsleute“, also die russischsprachige Diaspora und Menschen mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion, an Russland zu binden. Lange Zeit blieb das „Haus der Wissenschaft und Kultur“, wie es früher hieß, vor allem ein Reservat der postsowjetischen Tristesse. Das Foyer atmete Staub und die Atmosphäre einer sowjetischen Betriebskantine. Das Veranstaltungsangebot bestritt man mit altbewährten Themen wie Raumfahrt, Klassiker des 19. Jahrhunderts und Lobeshymnen auf grenzenlose Landschaften. Wen dieser Muff nicht störte, konnte auch einen Russischkurs machen oder Filmvorführungen besuchen. Im Oktober 2022 lief beispielsweise ein Werk des russischen Staatssenders RT. Der Titel: „Der Holocaust: Fäden des Gedenkens“. Der Inhalt: Ukrainer werden als Nazis verunglimpft. Eine ähnliche Stoßrichtung hatte nach dem Überfall auf die Ukraine 2014 eine Fotoausstellung des Medienunternehmens „Rossija Segodnja“, zu dem der Sender RT gehört. Die Schau zeigte Bilder von angeblichen Verbrechen der ukrainischen Armee gegen die eigene Zivilbevölkerung. Unverhüllte Propaganda gehörte im Russischen Haus wie selbstverständlich zum Programm.


Im Juli 2022 wurde die Regierungsagentur Rossotrudnichestvo mit Sanktionen der Europäischen Union belegt. In der Begründung heißt es, sie sei das wichtigste Werkzeug des Kreml für dessen hybride Einflussnahme und für die Verbreitung geschichtsrevisionistischer Narrative. Rossotrudnichestvo konsolidiere Aktivitäten prorussischer Akteure und arbeite gezielt daran, die Wahrnehmung der besetzten ukrainischen Gebiete als russisches Territorium zu festigen. Es wäre also eigentlich zu erwarten gewesen, dass das Russische Haus, über das Rossotrudnichestvo ja Regie führt, sofort geschlossen wird. Aber es geschah: nichts. Ukrainische Aktivistinnen organisierten Proteste und Mahnwachen und im Frühling 2023 erstattete der frühere Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Grüne) Anzeige wegen Verstößen gegen das Außenwirtschaftsgesetz. Die Staatsanwaltschaft Berlin nahm daraufhin Ermittlungen auf, stellte sie aber im September wieder ein – die Verantwortlichen hätten Diplomatenstatus. Beck reichte eine Beschwerde ein, die bisher unbeantwortet blieb. Es ist auch kaum damit zu rechnen, dass sie Folgen haben wird: Das Auswärtige Amt teilte schon im Juni auf Anfrage des RBB mit, dass es keinerlei Schritte gegen das Russische Haus einleiten werde. Einer der Gründe dürfte sein, dass Russland im Gegenzug die auf dem russischen Boden verbliebenen drei Goethe-Institute schließen könnte, deren Arbeit sich ohnehin nur noch auf Deutschkurse beschränkt. Auf dem Papier, nämlich im bilateralen Abkommen vom 4. Februar 2011 über die Tätigkeit von Kultur- und Informationszentren, wird kein Unterschied zwischen Goethe-Instituten und russischen Propaganda-Außenposten gemacht.


Während das Russische Haus zu Beginn des Ukraine-Krieges für mehrere Monate geschlossen war, hat es seine Aktivitäten ab Herbst 2022 intensiviert.* Zudem bekam es eine neue schicke Webseite und einen neuen, von der russischen Avantgarde der 1920er Jahre inspirierten Stil. Die marxistische Zeitung „Junge Welt“ jubelte im Februar: „Im Russischen Haus mit seinem Kandinsky-Look und den kantigen Bauhaus-Linien treffe sich eine internationale Gemeinschaft von Freiwilligen“ und Russisch sei eine der wichtigsten Sprachen der Welt und „als Kultursprache mit seiner reichhaltigen Literatur ohnehin eine der größten Hausnummern“. Die Auffassung der Ultralinken teilt auch der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Dessen Geschäftsführer Michael Harms forderte in einem Brief an die Bundesbank die Sanktionen gegen das Russische Haus aufzuheben. Er behauptete, man treffe damit auch „Bildungsangebote für erklärte Putin-Gegner“.


Schätzungen sprechen von etwa 300.000 in Berlin lebenden Menschen, deren Muttersprache Russisch ist. Dennoch gab es dort bis vor kurzem keine russische Buchhandlung, sieht man einmal von einem eher kuriosen Antiquariat ab. Wegen des regen Reiseverkehrs bestand vor 2022 keine dringende Notwendigkeit dafür – wer russischsprachige Bücher lesen wollte, brachte sie aus Russland mit. Im September 2023 eröffnete dann unweit des Mauerparks die Buchhandlung Babel, die ein liebevoll kuratiertes Programm aus Gegenwartsliteratur, Sachbüchern und Publikationen kleiner unabhängiger Verlage führt, von denen es mittlerweile immer mehr im Ausland und immer weniger in Russland gibt, weil man sich dort kaum der Vereinheitlichungsideologie widersetzen kann. Babel versteht sich auch als Begegnungsstätte für Gleichgesinnte. Bei Lesungen und Vorträgen ist der kleine Raum, in den etwa dreißig Stühle Platz finden, in der Regel voll. Die Monopolstellung hielt allerdings nicht lange – schon im Oktober verkündigte der Direktor des Russischen Hauses, Pavel Izwolskij, eine Buchhandlung eröffnen zu wollen.


Im Dezember war es dann soweit. Die Buchhandlung heißt Mnogoknig, was übersetzt „viele Bücher“ bedeutet. Sie gehört zu einer Kette russischer Buchhandlungen mit Firmensitz in Lettland. Vom Vormieter, einer Edeluhrenboutique, erbte der Laden teure Kronleuchter und glamouröse Schaufenster, in denen jetzt Kunstbücher und Luxusausgaben von Klassikern stehen, außerdem die „Kunst des Krieges“ von Sunzi und ein vergessenes Preisschild über 27.350 Euro. Alles wirkt recht friedlich und kultiviert – aber nur solange man nicht genau hinschaut.


Das Sortiment besteht zu einem großen Teil aus klassischen Werken, Unterhaltungsliteratur, Lebenshilfebüchern und Pop-Psychologie. „Das Angebot unterscheidet sich kaum von einem Buchladen in Russland“, sagt Felix Sandalov, der früher einen unabhängigen Verlag in Moskau leitete und jetzt einem Förderverein für unabhängige Verleger in Berlin vorsteht. Auffällig sei allerdings, dass gute Kinderbücher von kleinen Verlagen fehlten, denn sie seien die eigentlichen Verkaufsschlager des russischen Buchhandels.


An anderen Kinderbüchern mangelt es hingegen nicht. Neben sowjetischen Klassikern gibt es auch Brandneues, beispielsweise das Buch „Von Moskau nach Berlin“ aus der Reihe „Große Kinderbibliothek“, das kleinen Lesern sowjetische Propagandamythen über den „großen Vaterländischen Krieg“ nahebringen möchte. Einer dieser Mythen, „die 28 Panfilow-Helden“, wurde 2015 zu einem großen Politikum: Der Leiter des Staatsarchivs veröffentlichte damals Unterlagen, die zeigten, dass die berühmte Heldentat einzig und allein auf der Fantasie übereifriger Propagandisten beruht. Er wurde daraufhin gefeuert. Der damalige Kulturminister Wladimir Medinskij wetterte: „Diejenigen, die mit ihren dreckigen fettigen Fingern in der Geschichte von 1941 herumwühlen, sollte man mit der Zeitmaschine in die Gräben von damals mit einer Handgranate gegen faschistische Panzer schicken.“


Was der Kremlideologe sich vorstellte, umreißt letztendlich die Struktur einer der populärsten Gattungen der russischen Trash-Literatur, die sogenannten „Popadanzy“. Der Name kommt vom Verb „popadat“, was „zufällig geraten“ bedeutet. In Popadanzy-Erzählungen wacht der Held in der Vergangenheit auf und hilft mit seinem Wissen aus der Zukunft, die Fehler der Geschichte zu korrigieren. Meistens geht es darum, die Sowjetunion noch mächtiger zu machen, sie vor dem Zerfall zu bewahren und die Weltdominanz des Westens zu verhindern. Das gilt auch für die Zeitreisende in eine fernere Vergangenheit, etwa in die Kyjewer Rus. Popadanzy-Werke sind in der Friedrichstraße nun ordentlich vertreten; meistens handelt es sich um Machwerke sehr produktiver, aber außerhalb ihrer Fan-Blase völlig unbekannter Autoren.


In einem der Regale steht eine Sammlung der Werke von Sachar Prilepin. Daran ist zunächst nichts ungewöhnlich; Prilepin gibt es auch im deutschen Buchhandel. Der preisgekrönte Literat wurde allerdings zu einem der wichtigsten Ideologen des Kriegs gegen die Ukraine und war zwischenzeitlich sogar stellvertretender Kommandant einer Einheit der irregulären russischen Truppen im besetzten Donbass. Für die Inhaberin der Buchhandlung Babel, Natalia Smirnova, ist er ein Symbol der gesellschaftlichen Spaltung: „Die Frage, ob wir Sachar Prilepin haben, – sagt sie im Gespräch mit einem russischen Exilmedium – wurde uns nicht ein einziges Mal gestellt. Und das zeigt, dass unser Publikum genau so ist, wie wir es uns vorgestellt haben – eindeutig gegen Putin und gegen den Krieg.“ Nach Einschätzung von Felix Sandalov überschneiden sich die Angebote von Babel und Mnogoknig etwa um zwanzig Prozent.


So würde man bei Babel nicht einmal auf die Idee kommen, Bücher des erzreaktionären Sowjetnostalgikers Jurij Poljakow zu verkaufen, Mnogoknig führt gleich zwölf seiner Titel. Eines der Bücher heißt „Sowjetische Kindheit, ein Buch über die hehre Vergangenheit“ und der Buchdeckel stellt dem Leser in Aussicht „das Moskauer Leben im fernen Jahr 1968 mit den Augen eines zwölfjährigen sowjetischen Jungen zu betrachten, der … die Ankunft einer strahlenden kommunistischen Zukunft erwartet. Der Autor rekonstruiert meisterhaft und bis ins kleinste Detail diese längst untergegangene Welt mit ihrer Selbstlosigkeit, ihrem Sinn für Kameradschaft, ihrem aufrichtigen Glauben an Gerechtigkeit, Güte und Gleichheit, trotz der vereinzelter Mängel, die es noch gibt.“ Gleichzeitig werden auch der „Gulag“ von Anne Applebaum verkauft, Bestseller der oppositionellen Autoren und es gibt eine Ecke mit Queer-Literatur für Jugendliche. In Russland ist Verbreitung solcher Literatur neuerdings strafbar. Offenbar soll die seltsame Mischung Geschichtsrevisionismus und Kriegsverherrlichung als „nur eine Meinung“ normalisieren – mit Duldung der deutschen Behörden und mitten in Berlin.


*Anmerkung: In der ursprünglichen Version dieses Textes hieß es: „Während der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen war das Russische Haus ein paar Monate geschlossen. Nach deren Einstellung fuhr es seine Aktivitäten sofort wieder hoch.“ Das ist so nicht richtig. Tatsächlich war das Russische Haus nur bis September 2022 geschlossen, mit den zeitlich später stattfindenden Ermittlungen hatte die Schließung nichts zu tun. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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